Ernährung

Ist Fleisch wirklich mein Gemüse? (1/3)

Mein Interesse an den verschiedenen Ernährungsweisen wuchs eher langsam in mir heran. Alles begann, als ich mit Anfang zwanzig nach einer langen Weile das erste Mal eher zufällig an eine Waage geriet. Selbstsicher und vollkommen unreflektiert war ich mir sicher, dass mein Gewicht normal sei, ja, sogar überdurchschnittlich gut. Und auch das minutenlange Keuchen nach dem mühsamen Erklimmen der Treppen meiner ehemaligen Wohnung hielt ich bis dahin für ebenso normal wie die Dehnungsstreifen an meinen Oberarmen, die ich einem schwachen Bindegewebe zuschrieb.

Der Moment, als mir die Waage dann die traurige Wahrheit in nüchternen Zahlen offenbarte, werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen. „126 Kilogramm! Wie konnte es nur soweit kommen?!“, dachte ich erschrocken in mich hinein und bangte gleichermaßen um die verbleibende Fassung, die ich vor meinen Freunden keineswegs verlieren wollte.

Nur wenige Tage hat es gedauert bis der erste Schrecken vorüber war und ich meinem inneren Schweinehund wieder das Ruder überließ. Es ist auch viel bequemer, die Frustration weiterhin mit Eistee und Energy Drinks zu ertränken und sie mit Pizza, Lasagne und anderen Fertiggerichten regelrecht zu erwürgen, statt eine Veränderung herbeizuführen.

Ganze vier weitere Jahre habe ich gebraucht um zu erkennen, dass ein durchaus ernstes Problem in meinem Leben vorliegt und dieses einer dringenden und konsequenten Lösung bedarf. Doch was sollte ich tun?

„Nehme ich zu schnell ab, dann werde ich aussehen wie ein zusammengefallener Kartoffelsack, nehme ich zu langsam ab, dann habe ich das mutmaßlich beste Jahrzehnt meines Lebens damit verbracht gegen meine Jugendsünden zu kämpfen.“

Gedanken wie diese waren es schlussendlich, die mich trotz meiner bis dahin geringen Frustrationstoleranz dazu motivierten nach einer neuen Ernährungsweise für mich zu suchen.

Verirrt im Ernährungsdschungel

Ein jeder, der im Internet schon einmal nach gesunden und vielversprechenden Ernährungsweisen Ausschau gehalten hat, kennt das: Man wird erschlagen von Informationen, die zumeist auch noch widersprüchlich sind.

Bloggerin Lisa, die die vegane Rohkost für sich entdeckt hat, argumentiert mit ihrem fitten und gesunden Aussehen. Recht hat sie, denn vegane Rohkost kann nicht ungesund sein, wenn man eine derart makellose und reine Haut hat, oder? Ernährungsberater Max hingegen empfiehlt eine ordentliche Portion mageres Fleisch – Für die tierischen Proteine und das Eiweiß versteht sich. Recht hat er, denn Fleisch kann nicht ungesund sein, wenn man einen derart großen Bizeps hat, oder? Und auch wenn Dr. Müller, der mir in einem Kurzvideo ein Glas Milch am Tag als gesündeste Prävention gegen Osteoporose und Kalziummangel empfiehlt, mit seinen geschätzten 60 Jahren nicht mehr allzu makellos und stark erscheint, so ist er doch Arzt und weiß was für mich am gesündesten ist, oder?

Ich war verloren und verirrt. In einem Dschungel aus Menschen, die alle auf ihre ganz individuelle Ernährungsweise schwörten und nur das Beste für mich wollten. In diesem Wirrwarr an widersprüchlichen Informationen versuchte ich mich zu orientieren und etwas zu finden, mit dem ich vor mir selbst meine zukünftige Ernährungsweise rechtfertigen konnte. Fehlanzeige!

Es hat nicht allzu lange gedauert, bis ich meine Recherchen aufgab. „Ich ernähre mich fortan einfach intuitiv!“, dachte ich mir und überlegte, ob ich dabei vielleicht doch auf das ein oder andere Ungesunde in meinem Leben verzichten könnte.

Die (un)verbesserliche Gegenwart

Mittlerweile sind zwei Jahre seit meiner Recherche vergangen und die Pfunde sind gepurzelt. 37 Kilogramm habe ich seitdem abgenommen, was mich durchaus mit Stolz erfüllt und für mich nicht weniger ist als ein persönlicher Meilenstein. Aber eben auch nicht mehr als das.

Die nüchterne Wahrheit ist, dass man im Grunde genommen nicht von einer Ernährungsumstellung sprechen kann. Und ich möchte auch fortan nicht mehr so tun, als hätte ich in meinem Leben etwas gravierendes verändert. Ich habe meine Ernährung nicht umgestellt, ich habe lediglich auf den Konsum von Zucker verzichtet. Süßigkeiten, Limonaden und Energy Drinks sind das einzige, was ich in den letzten zwei Jahren reduziert habe – Und selbst das ist nur die halbe Wahrheit, denn teilweise reichte meine Disziplin gerade einmal dafür aus auf die zuckerfreien Alternativen umzusteigen. Ob Aspartam so viel besser für meinen Körper ist? Fraglich. Und statt mich konsequent an feste und ausgewogene Mahlzeiten zu halten habe ich mir Ersatzstoffe gesucht, die meinen Heißhunger befriedigen: Belegte Brötchen mit Remoulade, Ei und Wurst zum Frühstück und Mettwürstchen zum Mittagessen sind zu meinem täglichen Ritual geworden. Auch die anfängliche Gewohnheit, mehr Obst und Gemüse zu essen, gehört nunmehr der Vergangenheit an. Ich esse Fleisch. Viel Fleisch. Zu viel Fleisch. Und um ganz ehrlich zu sein: Ich esse fast nur noch Fleisch.

Ja, ich gebe es offen zu: Fleisch ist zu meinem Gemüse geworden. Ente, Huhn, Pute oder auch Schwein und Rind – Ich liebe das Fleisch, seinen Geschmack und seine Konsistenz. Und gerne nehme ich auch ein Baguette mit Kräuterbutter als Beilage dazu, wenn die blöde Salatschüssel nicht wieder im Weg steht.

Es grenzt an ein Wunder, dass ich überhaupt ein Gramm verloren habe und noch verwunderlicher ist es, dass mir nicht sämtliche ernährungsbedingte Krankheiten hinterhereilen und die Treibjagd auf mich eröffnet haben. Weniger verwunderlich ist hingegen, warum ich mich immer häufiger schlapp fühle, demotiviert und leicht zu stressen bin, eine unreine Haut und die ersten grauen Haare habe. Und dann ist da noch das schlechte Gewissen, dem Tier, der Umwelt und mir selbst gegenüber. Das ist die schonungslose Wahrheit und es ist nur allzu offensichtlich, dass ich mich erneut einer Veränderung stellen muss.

Ja, ich liebe Fleisch – Brokkoli ist aber auch in Ordnung (2/3).

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